Das schlechte Argument des Spiritualismus

Meine Beschäftigung mit Astrologie, Tarot und anderen, generell als ‘esoterische’ Praktiken und Ideen bezeichnete Denksysteme, hat sich bisher in Grenzen gehalten, weil es mir schwer fällt jene Dinge zu überprüfen, und weil sich stets WA fanden, die mich genügend herausgefordert haben. Ich schwimme in der Esoterik in ungewissen allgemeinen, wie auch ungewissen spezifischen Annahmen, wenn ich mit jenen Ideen konfrontiert werde. So hatte ich stets das Gefühl, dass ich zuerst eine bessere Erkenntnistheorie haben müsse, um jenen Dinge in einer Weise folgen zu können, die mir einen gewissen Widerspruch erlaubt, ohne dem Ganzen an sich zu widersprechen. Eine solche Erkenntnistheorie würde eine Grundlage bilden, nach der alles auf der Grundlage Gebaute mit jener Grundlage stimmig sein muss. Ist etwas damit nicht stimmig, so ist nun wissbar, ob sich darin Falschheiten verstecken.

Nun finden sich tausende esoterische Bücher, und ich habe keine Ahnung, wie ich sie alle kategorisieren soll. Wie kann man eine grosse Menge unterschiedlicher Dinge bewerten, die stets selber ihre eigenen Grundannahmen behaupten, welche mit anderen Grundannahmen anderer spiritualistischer Dinge unvereinbar sind? Wie kann ein einziges Urteil gemacht werden, wenn kein klares Urteil möglich ist? Wie kann man sich im Spiritualismus irren und das Irren korrigieren? Ohne ein mögliches Urteil, wie “das ist richtig”, habe ich keine mögliche Wahrheitsaussage. Nehmen wir einen einfachen Satz, wie “Gott ist gut”, und nehmen wir einen anderen, wie “Gott ist nicht nur gut”. Nach Aquin können wir nachvollziehen, ja wissen, dass nur der erste Satz richtig ist. Wie kann ich ein solches Urteil jedoch alleine machen, ohne mich auf eine lange Serie an Argumenten über gefühlte tausende Seiten, die auf der Logik des auf aristotelischem Realismus bauenden Aquinas beruhen, berufen zu müssen? Selbst jener von Aquinas für den Pneumatismus verwendete Realismus scheint mir manchmal Mühe zu haben, den aquinischen Bedingungen gerecht zu werden, da eine realistische Erkenntnistheorie kaum bis zum aquinischen Pneumatismus hinreicht. Ich meine gar, dass Aquinas für die pneumatistischen Gottesargumente jenen Realismus nur verwenden konnte, weil er genügend Nahe am Gnostizismus lag, die Visibilitätsstufe (Weltanschauungsstimmung) die allein das Potential des Pneumatismus ausschöpfen kann. Wäre der idealistische Platonismus nicht mystizistisch, sondern auch logistizistisch oder gar gnostizistisch (und damit sehr anders als der uns bekannte Platonismus), so hätte Aquin meiner – vermutlich zu wenig fundierten – Meinung nach einen solchen Platonismus leichter verwenden können, als den aristotelischen Realismus.

Belassen wir die komplizierteren Annahmen jedoch für die Kontention, in der solche Fragen mit der notwendigen Gründlichkeit untersucht werden können. Für uns sei der Gedanke, dass es für den Spiritualismus eine Grundlage braucht, wichtiger. Es ist meine Vermutung, dass es eine unausweichliche Aufgabe ist, die Erkenntnistheorie der anthroposophischen Geisteswissenschaft herbeizuzuiehen, um bei spiritualistischen Aussagen ein Urteil fällen zu können, und nicht einfach alles mögliche Gerede berücksichtigen zu müssen. Vielleicht ist es beim Spiritualismus so, dass von einem Gesamtbild eines Denksystems auf die einzelnen Aussagen geschlossen werden muss, während bei WA um den Materialismus durch die Richtigkeit einzelner Aussagen auf die Richtigkeit der gesamten Erkenntnistheorie geschlossen werden kann. Das würde es sehr umständlich machen, im Spiritualismus Urteile über verschiedene Ideen und Systeme fällen zu können.

Dieser Artikel soll Erkenntnishteorie nun gar nicht zum Zentrum haben, sondern die Frage, was das schlechte Argument des Spiritualismus ist. In der Beobachtung von Esoterikern oder zur Esoterik Hingezogener fiel mir nun auf, dass ihre Schlüsse häufig nicht freiheitlich erreicht werden. Nehmen wir ein Beispiel, und sagen wir, dass ein schrecklicher Unfall geschehen ist. Das kann eine nationalie Tragädie sein, oder der Verlust eines nahe stehenden Menschen. Nun entsteht durch eine persönliche Verbundenheit eine Betroffenheit, die sich in einer Art äussert, dass ein Warum im Zentrum steht, und ein Warum will in einem solchen Fall nicht durch abstrakte Wahrscheinlichkeiten beantwortet werden, sondern durch schicksalszentrierte Erklärungen. Der Materialismus hat für Letzteres nichts zu bieten, der Spiritualismus kann hier jedoch aus dem Vollen schöpfen. Und so ist die Hinwendung zu spiritualistischen Antworten eine unfreiheitliche. Der Mensch sucht Trost im Spiritualismus, sucht höhere Gründe für das Schreckliche. Und dies, meine ich, ist unfreiheitlich.

Um freiheitlich zu sein, muss der Spiritualismus sagen können: es gibt Zufälle, es gibt wahllose, planlose, willkürliche Ereignisse, und es gibt sehr viele davon. Es mag durchaus unwahrscheinlicher sein, dass allein der Zufall vorhanden ist, wenn grosse Dinge geschehen, aber auch hier gibt es Dinge die keinerlei Bedeutung haben ausser jener, die wir ihnen zuschreiben. Das Argument ist hier nicht, dass es kein Schicksal, keine Vorsehung, keine kosmischen Gründe usw gibt, sondern, dass nicht automatisch von solchen ausgegangen werden soll. Viel eher soll über solche erst nachgedacht werden, wenn die Möglichkeit einer völligen Sinnlosigkeit eines schwer erträglichen Ereignisses akzeptiert ist. Dann erst ist die spiritualistische ‘Warumsuche’ eine berechtigte, weil freiheitliche.

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