Hellsichtigkeit und Spiritualisten

‘Hellsichtigkeit’ ist die Fähigkeit, die geistige Welt bewusst wahrzunehmen. Sie ist für viele Anthroposophen das uneingelöste Versprechen Rudolf Steiners. Das Folgende soll nicht irgendwelche Meisterschaft suggerieren, es ist lediglich ein Gedanke, der wohl von einigen Spiritualisten und theoretischen Anthroposophen regelmässig gemacht wird, und der bestimmt ungerne geäussert wird, da er womöglich eine Schuldlast verkehrt. Auch soll damit nicht behauptet werden, dass er abschliessend richtig ist, da es sehr viel mehr dazu zu sagen gibt, das Untigem (..) teilweise auch klar widerspricht. Es ist keine nuancierte Analyse, sondern ein vieles auslassender, kurzer Gedanke, der deswegen gemacht wird, um bei diesem oder jenem vielleicht etwas anzustossen.

Warum möchten Menschen hellsichtig sein? Warum ist es nicht wichtiger, erkenntnisreich zu sein? Es scheint ein Verlangen zu sein, etwas zu können, ja, es scheint eine Bereicherung zum gewöhnlichen Leben zu sein. Es ist jedoch eine gewagte Annahme, dass Hellsichtigkeit möglich ist, solange sie ein Leben mit etwas Zusätzlichem erfüllt. Es scheint doch weitaus plausibler, dass sich die Welt als etwas, zum inneren Reichtum Äquivalentes, dem Menschen offenbart. Es ist eine etwas traurige Sache, wie hier etwas gehandelt werden will – man investiert Achtsamkeit und dergleichen, und dafür erhält man ein als gleichwertig empfundenes Kino an einer farbenprächtigen geistigen Welt, eine Sinneserfüllung, die sich wie eine Gondel zu einer prächtigeren Erkenntnisaussicht auf einmal vor einem zeigt. Ein Studium ist kaum ernsthaft, wenn es einen solchen Profit möchte. Einerseits ist die Frustration verständlich, andererseits signalisiert sie auch etwas Ungeduldiges, das einem kaum sympathisch sein kann.

Für die enttäuschten, seit Jahrzehnten übenden Geheimschüler des Spiritualismus oder der Anthroposophie, sei das Werk Steiners “Wie erreicht man Erkenntnisse höherer Welten” besser eine Warnung als ein Versprechen. Eine Warnung die ihnen hilft, sich nicht zu verschrecken, wenn sich da auf einmal Dinge auftun, und eine Anleitung, mit den neuen Werkzeugen nicht irgendwelche Dummheiten anzustellen. Weiter hat es bestimmte, grosse Vorteile in der Schulung des Denkens, keine Hellsichtigkeit zu haben, da man auf sich und das eigene Denken alleine gestellt ist, da man die Konsequenzen von Falschheit induktiv, durch Beobachtung, nicht aus einem Wissen heraus, erkennen muss. Der nicht Hellsichtige hat sich eine gründliche Grundlage zu schaffen, und er kann sich sehr glücklich schätzen, wenn er nicht durch Abkürzungen zu einer schlecht vorbereiteten, teilhaften Hellsicht kommt. Solche unausgewogen und verfrüht hellsichtige Menschen sind Leidende, denn sie können sich selbst und ihrer Wahrnehmung nirgends vertrauen, und es ist sehr schwierig, nachträglich noch bestimmte Löcher im Fundament zu füllen. So ist es für viele ‘Geheimschüler’ in ihrem Sinne, wenn bestimmte Fortschritte lieber etwas zu lange ausbleiben. Vielleicht ist da bei Geheimschülern gar ein wichtiger Schutz im Spiele, wer weiss.

Es finden sich unzählige anschauliche Beispiele, wo eine ungenügende Vorbereitung zu verkehrten Ergebnissen führen kann. Sei dies im Sport bei Dehnübungen, wo der Muskel überfordert wird, wenn jene ausbleiben, sei dies in einer beruflichen Verhandlung, wo eine schlechte Vorbereitung der anderen Seite auf einmal alles Mögliche zur Option wird, oder im Zügeln, wo noch Material in Boxen gepackt wird, während die freiwilligen Helfer alle bereits dastehen und verständnislos auf einen warten, usw.

Es wird sich bestimmt kaum Widerspruch finden, wenn darauf bestanden wird, dass die grundlegendsten Bedingungen einer Geheimschulung gründlich erfüllt werden sollen. Die grundlegendsten Bedingungen sind, nach Steiner, nun dreierlei: die Devotion, die innere Ruhe, und das reiche Innenleben. Die Hellsichtigkeit, wie sie sich viele Menschen vorstellen, und die sie für sich gerne wünschen, ist jene des reichen ‘Aussenlebens’, das Astralische, das Ätherische usw, das sich dem Geheimschüler durch alle Sinne offenbart – darunter am Verlockendsten ist viel wohl aber das Visuelle. Und der Grund, dass dieser Zugang zum reichen Aussenleben ausbleibt ist der, dass die Grundbedingung des reichen Innenlebens, das eine Art Äquivalent zum reichhaltigen Äusseren darstellt, unterschätzt wird. Und es wird wohl um die Art reichen Innenlebens gehen, das man aus sich selber schaffen kann, nicht dasjenige, das sich durch den Konsum verschiedenster reichhaltiger Gedanken durch Bücher nach und nach geformt hat.

Zur Erkenntnis im geisteswissenschaftlichen Sinne sollte man sich besser nicht künstlich an der Bedingung sinnlicher Hellsichtigkeit anbinden, denn die Ausbildung des kausalen, gesetzmässigen Denkens findet im – wohl geistlosen – Materialismus eine bedeutende Chance sich abgerundet zu entwickeln, auch wenn dies für die Entwicklung des Menschen aus der Sicht der Spiritualisten vielleicht widersinnig klingt. Denn es ist das schönste Denken, das einen ernsthaften Weg durch den Materialismus, z.B. durch Ingenieurskünste, Baukünste, experimentelle Physik usw geht, und dann den Weg zum Spiritualismus findet, und sich dort auf einmal entfalten kann. Das aus dem Materialismus gekommene Denken ist deswegen schön, weil es sich in feiner Weise um Grenzen verschiedenster Art bewusst ist. Es ist ein Denken, das sich in der spiritualistischen Welt weitaus besser zurechtzufinden weiss, als das allein spiritualistische Denken, das weder oben noch unten kennt. Es ist schwierig, hier keine Werbung für den Materialismus zu machen, und es könnte jenem mit weltanschaulich offenem Herzen gar Freude bereiten, zu sehen, welche Grundlagen in der materialistischen Gegenwart wohl für die Zukunft geschaffen werden, und was dadurch folglich noch durch die Menschheit möglich sein mag, wenn der Materialismus den Menschen auf einmal zu viel wird, und sie auf einmal beginnen, einen Weg zum Spiritualismus zu suchen. Es ist jedoch auch etwas beängstigend, wie ausgeformt die Extreme sind, wie sie die Grenzen des Erträglichen wirklich auszutesten scheinen.

Der Materialismus ist aus spiritualistischer Sicht eine Dunkelheit, und das einzig Geistige, das darin bestehen kann, ist der klare, wegweisende, eigene Gedanke, durch den man sich selbst durch die Dunkelheit an einen weniger verdunkelten Ort führen muss. Es ist eine Blindheit, die einem durch den Materialismus im Geistigen anhaftet, und sie zwingt einen, bestimmte Fähigkeiten auszubilden, die später wichtige innere Kräfte sein werden, von denen man dann ausreichende hat, wenn sie irgendwann zur Prüfung anstehen.

Sich mit Achtsamkeit in den drei Seelentönen des Weltanschauungsprinzips zu üben, kann in der rechten Umgebung zur Ausbildung jener Grundbedingungen der Geheimschulung führen: der Theismus führt in einem entsprechenden Setting zu Devotion, der Naturalismus führt, wenn die Umstände es begünstigen, zum reichen Innenleben, und der Intuitismus führt unter den richtigen Bedingungen zu innerer Ruhe. Die dadurch erlernte Beweglichkeit führt wiederum zu einem einfacheren Zugang zu den dutzend WA.

“Sie sagten ich hätte so viel Potential… Warum mache ich dann so wenige Fortschritte?” @lucielaroussedraws